Der längste Tag

Heute wachen wir bei 50 Grad Fahrenheit (10 Grad Celsius) und Nebel im Ort Lubbock auf. Nach Schwergewitterlage fühlt sich das nicht gerade an. Es soll heute an der Grenze zu New Mexiko und Oklahoma im äußersten Nordwesten des Texas Panhandle Gewitter auslösen, die das Zeug dazu haben, Tornados zu produzieren. Also nichts wie hin und weg aus der kalten Suppe. Diese lässt uns allerdings auf der 300km langen Fahrt nach Norden einfach nicht los. Das Licht ist surreal, dass es hier heute knallen soll ist noch surrealer.

 

Im Ort Dumas fahren wir wie zig andere Stormchaser an eine Tanke und harren der Dinge die da kommen. Wir treffen dort alte bekannte wie Michael Sachweh und Dennis Oswald wieder. 

 

Gegen 1430 Uhr entsteht eine erste Zelle genau dort wo die Wettermodelle es vorhergesagt haben. Dutzende Chaser rasen zu diesem Zeitpunkt nach Nordwesten in den Ort Boise City. Wir warten noch etwas ab, ca. 15min, dann hält es uns auch nicht mehr. Zunächst glauben wir noch eine östliche Zugrichtung der Zelle und fahren an Boise City vorbei nach Norden. Das stellte sich aber schnell als Fehlentscheidung heraus. Wir fahren zurück und weiter nach Westen, da die Zelle wortwörtlich auf der Stelle steht. Ganz langsam schickt sie sich an nach Süden zu ziehen. Westlich von Wheeless (lustiger Name, wir haben Bilder im Kopf) kommen wir erstmals an die Zelle ran. 

 

Die kalte Luft macht dem Gewitter sichtlich zu schaffen. Es sieht sehr kalt unter der Basis aus. Scherung ist zweifellos ausreichend vorhanden. Alles rotiert aber so richtig in Fahrt will sie noch nicht kommen. Die Blitzaktivität ist sehr gering, das verwundert allerdings bei Taupunkten von 50 Grad Fahrenheit nicht sonderlich. Das Gewitter kann sich nicht so recht für eine Zugrichtung entscheiden, zieht dann aber final doch wieder Richtung Südosten. Das bringt uns etwas in die Bredouille, weil die Straßenoptionen nicht die Besten sind. Wir rasen nach Osten um davor zu kommen und fangen uns den ersten 2-3 Zentimeter Hagel ein, der aber keinen Schaden an unserem Auto verursacht. Das seltsame dabei ist, dass der Hagel nicht aus Richtung der Superzelle kommt, sondern von der anderen Seite. Der Hagel wird vom Sturm nach Südosten rausgeworfen, und in Bodennähe von den südlichen Winden wieder nach Norden geschleudert. Das zeigt, dass man auch weitab vom Hagelfuss ganz gut Hagel abbekommen kann.

 

Die Zelle wird zu einem HP (high precipitation) Biest. Das wollen wir eigentlich nicht sehen, aber wir nehmen was wir bekommen. Davor zu bleiben ist aber gar nicht so einfach. An einer Stelle wären wir - verleitet durch andere Chaser - fast eine Mud Road gefahren. Haben uns glücklicherweise aber dagegen entschieden und sind weiter nach Süden ausgewichen, das wäre nämlich vermutlich zu knapp geworden was Hagel angeht. An einer neuralgischen Kreuzung diskutieren wir kurz weitere Optionen. Nehmen wir eine neu entstandene, südwestliche Zelle oder bleiben wir an unserer dran?

Die südwestliche Zelle sah zu diesem Zeitpunkt auf dem Radar schon ganz gut aus, vor allen Dingen war sie noch nicht im HP Modus. Wir haben uns dann aber doch noch einmal entschieden weiter nach Osten zu fahren und sollten ca. 5min später nördlich des Ortes Felt mit einem ersten Tornado belohnt werden. 

 

Der Tornado blieb nur ca. 4-5min am Boden und löste sich vor unseren Augen wieder auf. Nach einer weiteren kurzen Fahrt nach Westen sehen wir einen weiteren Tornado. 

 

Die Zelle ist richtig böse und durch die HP Eigenschaft in Grüntöne getaucht, es sieht gespenstisch aus. 

 

Schlußendlich ist uns das Ganze aber doch zu outflowlastig, wir können kaum etwas unter der Zelle erkennen. Wir setzen alles auf eine Karte und fahren nach Südwesten an die andere Zelle ran, die wir die ganze Zeit im Auge behalten haben. Zunächst sind wir etwas ernüchtert, alles sieht sehr unorganisiert und unspektakulär aus. Es ist immernoch schweinekalt und es bläst Outflow Winde aus Nordost unter die Zelle. Das kann ja nichts werden...oder doch? Nach einigem Hin und Her und Überlegungen wie wir jetzt wieder zurückkommen, erscheint dieses atemberaubende Gebilde am Horizont. Wir sind hin und weg...

 

Das sollte die Zelle des Tages werden. Allerdings zwangen uns die Straßenoptionen nun dazu, extrem weit nach Süden auszuweichen.  Die Sonne ging nun langsam unter und tauchte die Szenerie in fantastische Farben, die wir so noch nie gesehen haben. 

 

Zu diesem Zeitpunkt kommen 2,75 inch Hagelreports rein. Das ist größer als ein Tennisball. Kann man sich bei dem Hagelfuß sehr gut vorstellen.

Wir können kaum glauben, dass bei solchen Temperaturen solche Hagelgrößen möglich sind, Gewitterwunderland USA!

 

Die Nacht bricht nun herein und wir beschließen noch einmal vor die Zelle zu fahren. Es entwickelt sich langsam aber sicher ein MCS und es verclustert alles. Wir fahren nach Osten bis nach Panhandle und lassen uns dort an einer Tankstelle vom Gewitter überrollen. Es fällt kleinerer Hagel bis etwa 2 cm. Da wir am nächsten Tag weit nach Südosten wollen, fahren wir dem Cluster noch auf der I-40 nach Osten hinterher bis nach Shamrock. Auf der Interstate müssen wir immer wieder anhalten, weil der Hagel etwas zu gross wird. Um uns herum haut es die Bodenblitze runter dass es eine wahre Freude ist !

 

Totmüde checken wir in Shamrock mit dem wohligen Gefühl im Bauch ein, einen super Tag erlebt zu haben. Davon können wir noch länger zehren. Müssen wir auch, denn die Wetteraussichten sind nicht die Besten...

 

Hier nochmal ein Zeitraffer von der zweiten Zelle die wir verfolgt haben:

 

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