Schuster bleib bei deinem Target

Nach dem gestrigen Tag sind wir immer noch total geflasht, was haben wir ein Glück, dass wir sowas erleben dürfen! Die Nacht war etwas unerholsam, es hat doch ganz schön gedauert, bis wir mal ins Bett gefallen sind, und wir hatten einen riesigen Kühlschrank auf dem Zimmer, also so richtig Küchengröße. Der hatte auch dementsprechend laute Geräusche drauf. Gestern hatte Jörg als Target für den heutigen Tag schon Nordostkansas ausgegeben, so etwa die Ecke Salina bis Topeka an der I-70. Nach dem typischen morgendlichen Checken der Modelle sollte es also Salina werden. Leider war er sich damit nur 98% sicher...

 

Beim Auschecken fallen sofort die Autos auf dem Parkplatz auf, da ist wohl gestern jemand von der Hagelzelle erwischt worden, der wir noch der Schippe gehüpft sind.

Wir hatten gestern abend schon andere Autos auf dem Parkplatz gesehen, die das gleiche Schicksal ereilt hat. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, immer zu wissen, was um Einen rum passiert. Wir hatten das gestern schon auf dem Radar gesehen, da waren eine Menge Leute voll in den Hagel gekommen. Wir sparen uns auch dieses Jahr die Diskussion mit dem Mietwagenverleiher und kommen ohne Dellen davon (schade...)

Zum Frühstück fahren wir zum nächsten IHOP, der sich den Parkplatz direkt mit einem Best Western Hotel teilt. Offensichtlich haben dort sehr viele Chaser übernachtet, unter Anderem Reed Timmer und seine Crew mit dem Dominator.

Einmal mit so einem Ding chasen, da würden wir aber mit Anlauf in den Gorillahagel fahren !

Im IHOP sitzt Jörg einer Gruppe von Chasern gegenüber (wie sollte es anders sein), und die unterhalten sich auch über ihr Target. Sie hatten wohl auch erst Salina im Blick, schwenken aber um auf Wichita, was ungefähr 100 Meilen weiter südlich liegt.

Da das Target heute nicht sooo deutlich ist, ist Jörg etwas unsicher.

Wir rollen erstmal los Richtung Salina...

 

Auf der Fahrt checken wir immer wieder das HRRR Model, das bei Wichita auch Zellen simuliert. Wir lassen uns von unserem originären Target abbringen und fahren 55 Meilen vor Salina doch wieder nach Südosten knappe 100 Meilen bis nach Wichita.

 

Dort stärken wir uns für das heutige Chase mit einem Mittagessen bei Chili´s, mit vollem Magen lässt sich besser chasen. Jörg ist schon etwas nervös beim Essen, er hat Sorge die Auslöse zu verpassen.

Ist aber kein Thema, wir sind gerade fertig und fahren nach Osten raus, als der erste Turm sich anschickt, den Deckel zu durchbrechen.

Bald wird klar, dass es sich hier um LP-Struktur handelt, faktisch fast kein Niederschlag unter der Zelle, und eine schöne Aufwindschraube. Leider ist das Schauspiel nicht von langer Dauer, sie ist zu hochbasig und schafft es nicht, sich in die gute Luft hineinzufressen. Stattdessen zieht sie recht zügig nach Nordosten. Wir bleiben vorerst stehen und bewundern den Aufwindturm...

Schon auf dem Weg dieser Zelle hinterher beobachten wir mit Zahnschmerzen das Geschehen an unserem eigentlichen Target. Bei Salina hat sich eine Zelle gebildet, die sehr schnell eine Tornadowarnung bekommt, und kurz darauf kommt auch schon der erste Funnel cloud report von dort rein. Da die LP vor unserer Nase schon Selbstmordtendenzen hat, fackeln wir nicht lange, sehen den Fehler ein, und rasen nach Norden. Zack, Tornado report an der Zelle in Salina - Half mile wide tornado crossing Solomon road... FUCK! Wieso haben wir uns von unserem Target abbringen lassen ? Egal, Mund abwischen, weitermachen. Ich suche für Fahrer Jörg den schnellsten Weg raus, kalkuliere dabei schon ein, wo die Zelle in etwa einer Stunde sein wird. Der von mir ausgesuchte schnellste Weg entpuppt sich nur als kürzester Weg, die Strassen sind nicht gut und das Tempolimit nur 55 MPH, so kommen wir nie rechtzeitig da ran ! Und dann noch der Super-GAU, die Strasse die wir nehmen wollen, ist einfach mal gesperrt. Also nehmen wir eine andere, etwas weitere, aber schnellere Variante (zumindest was die erlaubte Höchstgeschwindigkeit angeht).

Dadurch kommen wir etwas weiter von Osten an die Zelle ran, was sich im Endeffekt als gut rausstellt. Schon auf der Fahrt sehen wir von Weitem den riesigen Eisschirm der Zelle und einen imposanten overshooting top. Etwa 20 Meilen vor Erreichen der Zelle haben wir nochmal die Wahl, entweder weiter östlich bleiben und warten, dass die Zelle auf uns zu kommt, oder auf einer westlicheren Strasse ranfahren, mit dem Nachteil, dass wir von dort aus wieder einen größeren Umweg in Kauf nehmen müssen, wenn wir an der Zelle dranbleiben wollen. Ich entscheide für uns, dass wir direkt ranfahren, weil ich Sorge habe, dass wir was verpassen. Voller Stolz kann ich schonmal sagen, dass das die richtige Entscheidung war.

So sieht es aus, wenn man in 20 Sekunden 80 Meilen von Eldorado nach Chapman fährt...

Auf der gesamten Fahrt kommen immer wieder neue reports rein, da scheint ein böser long track tornado am Boden zu sein. Als wir ankommen, sehen wir sofort, das hier ein absoluter Zerstörer am Werk ist...

Man sieht mit bloßem Auge die Gewalt dieses Tornados. Wir sind uns schnell sicher, dass dieser Tornado stärker ist als der gestrige bei Dodge City. Da dieser mit EF3 eingestuft wurde, glauben wir hier auf jeden Fall einen EF4 vor uns zu haben, was sich später auch bewahrheiten sollte. Allein die riesige äußere Zirkulation, die den Niederschlag um den Tornado herumreisst, ist schon ein deutliches Zeichen für sehr hohe Windgeschwindigkeiten. So gut sehen wir den Tornado nur ein paar Minuten, dann hat er soviel Niederschlag um sich herumgezogen, dass er komplett verhüllt ist. Uns wird sehr mulmig, weil wir wissen, dass er gerade direkt auf die Kleinstadt Chapman zuhält. Ein rain wrapped tornado ist immer extrem gefährlich, weil er einfach nicht zu sehen ist.

Wir können den Tornado nicht mehr erkennen, aber er ist definitiv noch am Boden und genauso wütend wie zuvor. Zum ersten Mal erleben wir, wovon man immer liest: Wir können den Tornado hören. Ein unglaubliches Geräusch! Die meisten Leute sagen, es würde wie ein Güterzug klingen, das empfinde ich aber überhaupt nicht so. Für mich klingt es wie ein entfernter Donner, der einfach nicht abreisst, gleichmäßig und sehr tief. Wir bleiben noch etwas, bis der Tornado komplett im Norden an uns vorbeigezogen ist, und wir können erkennen, dass er sich kurz nach Passieren des Ortes Chapman (er hat die Kleinstadt zum Glück knapp verfehlt) aufgelöst hat.

Die Stimmung hinter der Böenfront ist toll, der Himmel ist wahnsinnig turbulent...

Wir fahren wieder nach Süden, um wieder an die ostsüdostwärts ziehende Zelle heranzukommen, es ist fast gesichert, dass sie demnächst den nächsten Tornado produzieren wird. Wir sind gerade eine halbe Meile gefahren, da sagt Jörg: "Verdammt wo ist mein Handy?"

Nach einigem Rumsuchen im Auto wird klar: Es muss ihm aus der Tasche gefallen sein, als wir gerade auf dem Feld gestanden und gefilmt haben. Es hatte sich eine schwächere Zelle hinter der tornadischen gebildet, die in die gleiche Richtung zog, und so ist uns klar: Jetzt oder nie (bzw. jetzt oder Hagel). Also rasen wir zurück zu der Stelle, Jörg springt raus, ich drehe das Auto schon mal um, und während einzelne kleinere Hagelsteine fallen, kommt Jörg laut jubelnd mit dem Handy in der Hand zum Auto zurück. So ein Glück, quasi sofort gefunden!

Ab gehts nach Süden, und die nächste Möglichkeit wieder nach Osten. Mittlerweile ist die Zelle jedoch schon ziemlich vorangekommen. Wir halten erstmal an und beratschlagen das weitere Vorgehen bzw. Vorfahren. Beim Aussteigen trifft einen fast der Schlag, wir haben sicher 28 Grad, und so wie es sich anfühlt, sind hier immer noch Taupunkte von 23 Grad Celsius. Die Schwüle ist kaum auszuhalten, und die Strassen sind natürlich auch aufgeheizt. Fühlt sich absolut nach Pulverfass an.

Wir versuchen, noch wieder an die Zelle heranzukommen, das gestaltet sich aber als schwierig, weil sie nun Südostzugrichtung aufnimmt. Wir wollen einen etwas größeren Bogen fahren, um wieder davor zu kommen, doch die Strasse nach Süden ist gesperrt, und so sind wir gezwungen, erstmal nach Südwesten zu fahren. Dadurch fahren wir einen sehr großen Bogen, und kommen erst wieder in der Dunkelheit in die Nähe der Basis. Da es im Dunkeln doch nicht so eine tolle Idee ist, sich vor eine tornadische Superzelle zu setzen, bleiben wir südlich und genießen die Blitze, die das Gerät raushaut.

Unterschwellig sitzt uns immer noch der Gedanke im Kopf, ob Chapman nun voll getroffen wurde oder nicht, das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Als wir irgendwann bei Twitter lesen, dass es keine Toten gab, sind wir sehr erleichtert und können uns endlich wirklich über den heutigen Tornado freuen.

Wir hören einen lokalen Radiosender, der gerade Wetter-Liveverichterstattung macht, und hören, dass die Zelle immer wieder Tornados produziert. Erst als die Tornadowarnung raus ist und sich das Gewitter abschwächt, fahren wir knapp dahinter durch nach Nordosten nach Topeka. Für den nöchsten Tag denken wir, dass das ein gutes Target ist.... Auf der etwa halbstündigen Fahrt auf der Turnpike überholen wir nicht ein Auto, und wir werden von keinem Auto überholt. Offensichtlich nehmen die Leute hier auch die Warnungen ernst und machen keine unnötigen Fahrten.

Das Fazit für heute: Wären wir direkt zu unserem ursprünglichen Target gefahren, hätten wir die Geburt dieser unglaublichen Superzelle mit ihrem long track tornado von Anfang an mitbekommen. So haben wir nur die letzten 20 Minuten erlebt, die der EF4 Tornado am Boden war. Auf der anderen Seite haben wir eine hübsche, aber sehr schwache LP Superzelle erlebt. Wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal nicht mehr so auf die Kurzzeitmodelle á la HRRR zu hören und bei unserem selbsterarbeiteten Target zu bleiben. Man lernt immer dazu, und das ist gut so!

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