Fazit 2019 - Jörg

Wir sind wieder in Deutschland und ich lasse etwas Revue passieren. 2019 war für mich, was das Wetter angeht, ein unterdurchschnittliches Jahr und das möchte ich hier einmal ausführlich beleuchten. 

 

Downs

Die ersten 8 Tage haben wir quasi außer ein paar Blitzen und outflowdominanten Zellen nichts gesehen. Man hat zwar immer mal wieder ein paar Down Days, aber 8 Tage am Stück ist neuer Negativ-Rekord. Der Rest der Zeit war aktiv und wir konnten insgesamt 3 Tornados beobachten. Allerdings waren die Stürme der zweiten Woche visuell größtenteils underwhelming, wenn man mal den Woodward-Tag außen vor lässt. Es hatte oftmals sehr hohe Taupunkte bei insgesamt niedriger Temperatur-Taupunkt-Differenz. Das ist auf der einen Seite generell wünschenswert für Tornados, auf der anderen Seite geht damit meistens eine diesige Sicht (den 23.05. mal ausgenommen) unter die Zellen einher, sodass wir teilweise fast im Couplet (Bereich des Tornados) stehen mussten, um überhaupt etwas von der Struktur zu sehen. Foto- und navigationstechnisch war das suboptimal.

 

Außerdem hatten die Stürme dieses Jahr oftmals eine NO oder NNO Zugrichtung bei nicht gerade langsamen Zuggeschwindigkeiten jenseits der 30 mph, was das Dranbleiben bzw. das Davorbleiben vor den Zellen erschwerte. 30 mph hört sich nicht viel an, es reicht aber bei der Zugrichtung aus um ständig auf Trab sein zu müssen und keine Ruhe für Fotos zu haben. Man konnte sich also aussuchen, ob man immer nur gefühlt 5min anhält und dann sofort wieder zum nächsten Beobachtungspunkt rast, oder den Sturm länger beobachtet um dann den Rest des Tages hinter- oder bestenfalls nebenher zu fahren.

 

Neben der schlechten Sicht kam dieses Jahr das Thema "Chaserkonvergenz" hinzu. An High-End Tagen chasen exponentiell viele Menschen im Vergleich zu "slight oder marginal risk" Tagen. Am 17.05. waren z.B. 1100 Chaser auf Spotter Network aktiv (also sind physisch mit Auto unterwegs gewesen). Wenn  diese 1100 aktiven Chaser auf den wenigen Highways oder Country Roads am dominanten Sturm des Tages mit der Vielzahl von Gelegenheits-Chasern konvergieren, kann man sich vorstellen, was da los ist: Stau bzw. stockender Verkehr und solche Idioten, die unvermittelt ohne zu Blinken anhalten oder fast mitten auf der Straße stehen bzw. in zig Zügen wenden. Mal abgesehen davon, dass es nervraubend ist, ist es sehr gefährlich. Es macht einen erstens langsam und zweitens ist die Kombination aus "An den Sturm gucken wollen" und "auf die Chaserkonvergenz konzentrieren müssen" einfach extrem stressig. Es ist nicht daran zu denken, den Sturm in Ruhe zu erleben. 

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Verkehr das gefährlichste am Stormchasing ist, so krass wie dieses Jahr haben wir das allerdings noch nie erlebt. Kein Wunder, dass es mittlerweile DAS beherrschende Thema in der Chaser Community ist und ich glaube, dass es nicht mehr lange dauern kann bis die Polizei erste Maßnahmen ergreift, um dem Herr zu werden. Wir werden uns jedenfalls in Zukunft auch damit stärker auseinandersetzen müssen und vielleicht das zweitbeste, nicht so überlaufene Target anstreben. Schauen wir mal wie es 2020 läuft. 

 

Unser Positioning war oftmals initial sehr gut und wir waren IMMER an den richtigen Zellen dran, allerdings war dann die Verschiebung mit dem interessanten Teil des Sturm nicht immer optimal. Woran lag´s? Nun, die sonstigen Gefahren einer Superzelle wie beispielsweise Hagel und teilweise widrige Road Options haben dazu beigetragen und werden uns auch in Zukunft Limits vorgeben. Wir sind mit einem Mietwagen einfach nicht so flexibel wie die Amis mit ihren eigens dafür aufgebauten Fahrzeugen, oder uns ist der Outcome von Hageldellen bei der Rückgabe des Autos einfach nicht scheiß egal wie manch anderem Chaser. Hagelschäden oder das Steckenbleiben auf einer Mudroad sind Risiken, die wir einfach nicht eingehen wollen.  Wir hatten eine angeregte Diskussion darüber, was wir noch besser machen können und kamen zu dem Schluss, dass da nicht mehr viel geht und wir schon ziemliche nahe am Optimum im Bezug auf die uns gegebenen Rahmenbedingungen und Prinzipien agieren. Mehr dazu im nächsten Abschnitt. 

 

Ups

2019 war wohl das bislang lehrreichste Jahr im Bezug auf Positionierung am Sturm für Nils und mich. Am 17.09. am Tag unserer ersten Tornadosichtung waren wir quasi von Beginn an hintendran. Wir waren sehr früh am richtigen Sturm, haben diesen dann aber im noch unspektakulären Stadium an uns vorbeiziehen lassen und uns zu spät - nämlich als die Zelle bereits in der Lage war einen Tornado zu produzieren  - nach Nordosten bewegt. Plötzlich ging alles sehr schnell, es wurde stressig und wir fuhren den Rest des Tages hinter dem Sturm, konnten dadurch den McCook Tornado nur aus der Entfernung sehen und den Tornado bei Farnam gar nicht, weil wir hinter dem Hagelvorhang standen.

 

Lehre aus der Aktion: Bei hohen Zuggeschwindigkeiten nach Nordost, weiter weg vom Sturm in Zugrichtung positionieren und den Sturm herankommen lassen, wenn er gereift ist. Ein Signal zum Heranfahren könnte die erste Tornadowarnung sein. Theoretisch ist der Sturm in der Lage innerhalb der nächsten Minuten einen Tornado zu produzieren und wir könnten was verpassen, wenn wir nicht direkt dranstehen. Wenn es sich um eine klassische, zyklische Superzelle handelt, muss der Sturm allerdings erst unterschiedlich viele Zyklen (in denen sich der Sturm abschwächt und wieder verstärkt, das wird auch "Pulses" genannt) durchlaufen, bis er einen Tornado hervorbringt. Man kann sich das wie Aus- und Einatmen vorstellen. Im besten Fall produziert so eine Superzelle mehrere Tornados und der erste ist meistens schwächer als die nachfolgenden. 

 

Am 20.05. haben wir das Gelernte bereits umsetzen und so den Mangum EF 2 Tornado sehen können. Das war noch nicht ganz optimal weil wir anfänglich wieder zu weit südöstlich standen, aber schon deutlich besser als zuvor. 

Am 23.05. haben wir dann allerdings wieder zurückstecken müssen und gleich mehrere Tornados verpasst, ist also alles nicht so einfach wie es sich anhört und wie oben bereits erwähnt müssen wie die Rahmenbedingungen beachten. Wir sind hier außerdem nur einmal im Jahr unterwegs. Wenn wir das wie die Amis 3 Monate oder länger pro Jahr machen könnten, wären wir sicherlich noch auf einem ganz anderen Niveau. 

 

Nils und ich waren in 2019 wieder ein eingespieltes Team und wir werden von Mal zu Mal besser. Natürlich spielt das Vertrauen eine wichtige Rolle, besonders in den heiklen Situationen am Sturm, in denen jede falsche Entscheidung eine direkte negative Konsequenz auf unser Leib und Wohl haben kann. Wir sind in der Lage Entscheidungen im Konsens zu treffen und dies mit Bedacht zu tun. Wir haben beide zudem dieses Jahr sehr gut gelernt, dass Radar nicht alles ist und das Himmelsbild richtig interpretieren werden muss, um zu wissen ob man noch sicher ist oder fahren muss. Das ist unser größter Entwicklungsbereich. 2019 war da sehr gut zu uns, da wir in den letzten Jahren als Team so noch nicht gefordert wurden. 

 

Wir werden uns bezüglich An- und Abreise 2020 was anderes überlegen. Da wir bisher immer Monate im Voraus gebucht haben, sind wir absolut unflexibel und können bei solchen Aussichten wie zum Start unseres diesjährigen Urlaubs nicht shiften. Wäre klasse gewesen, wenn wir einfach eine Woche später geflogen und rechtzeitig zum Start der guten Woche angekommen wären. Hätte uns 8 Tage Flaute erspart und wir hätten diese Woche auch noch mitnehmen können. Heute ist schon wieder ein Moderate Risk im besten Chasegelände über Colorado und Kansas und bis Ende des Monats sieht es top aus. Hätte, wäre, wenn...es kann auch genau anders laufen und man hat eben nur eine aktive Woche und danach kommt die Flaute. Das wäre deutlich schlechter als unser Verlauf. Dieses Jahr war es allerdings ziemlich offensichtlich und alle Langzeitmodelle hatten ziemlich genau diesen Verlauf vorhergesagt. 

 

Über 10000km, 6 Staaten, Schnee bei Minusgraden, Golfküste bei 30 Grad, weite Ebenen, Berge, Canyons, Großstadtflair, Kuhkäffer, unglaubliche Stürme, Wildlife. Die Menge an Eindrücken und Erlebnissen ist jedes Jahr aufs Neue wieder genial und macht diesen Urlaub zu etwas ganz besonderem. Auch wenn wir die ersten Tage wenig bis gar nichts an Wetter erlebt haben, sind die langen Fahrten durch dieses für mich wunderschöne Land mit seinen krassen landschaftlichen und ökonomischen Gegensätzen immer wieder wie eine Kur, wie eine Auszeit von der "richtigen" Welt. Der Tagesrhythmus ist ein komplett anderer, nur das Chasing steht im Fokus, alles andere rückt in den Hintergrund. Man weiß morgens nicht wo man abends rauskommen und schlafen wird, alleine das ist für sich schon der Knaller. Wo gibt es das in unserem von vorne bis hinten durchstrukturierten Alltag noch? Auch wenn mein Gesamtfazit für 2019 etwas verhalten ausfällt, freue ich mich schon auf 2020. 

Wie es die Highwaymen in ihrem Song schon richtig singen:"The road goes on forever and the party never ends" Never stop chasing. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0